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Anfragen für Buchrezensionen sind nach einem Jahr Pandemie absolut willkommen – wenn sie aus Berlin kommt, dann wirkt so eine Anfrage fast schon exotisch.

Tymon schrieb:

„ich wollte mal fragen ob du auch über Musik schreibst. Auf den ersten Blick ging es hauptsächlich um Bücher, aber auch die promoten wir hin und wieder (dann mit musikalischem Hintergrund).
Bist du an jedweder Rockmusik/Metal/Pop interessiert?
Dann würde ich dich mal in unseren NL aufnehmen.
LG aus Berlin“

E-Mail an den read!!ing room

Meine Neugierde war geweckt. Die Band, um die es ging, sagte mir nichts… aber hey – „no risk, no fun“. Und hin und wieder ist es doch ganz spannend sich neuen Dingen zu öffnen. Das sollten wir doch mittlerweile nach einem Jahr Corona gelernt haben…

Als ich das Cover des Buches in Händen hielt, spürte ich wie die eine oder andere Skepsisfalte sich unterhalb meiner Glatze bemerkbar machte. „Blut & Schweiß“ – so der Titel des Buches. Der Untertitel „sick of it all – Die Geschichte der Koller Brüder„. Dazu mehrere Schriften auf dem Cover und alles in Gelb, Rot und Schwarz gehalten. Alles zusammen machte jetzt nicht gerade den Eindruck einer wissenschaftlichen Abhandlung. Aber wie heißt es so schön: „Do not judge a book by its cover“. Noch nie konnte ich diese schöne Redewendung so wortwörtlich anwenden. Und noch eine Redewendung: Halb gefürchtet, ist auch schon ein bisschen gestorben. Was kann einem alten Büchersack wie mir schon geschehen. Vieles gelesen, noch mehr gesehen So what! Und rein ins Lesevergnügen…

Oha! Zwei Vorworte (eins stammt von Musikerkollege Chris Carrababa und das zweite von Mit-Autor Howy Abrams), zahlreiche Schwarzweißfotos und Konzertplakate und der ganze Text in Dialogform. Dazu der Fließtext in Arialschrift. Ist doch vielleicht nicht so ganz das, was man erwarten kann.

Schluss mit dem Blabla – rein ins Vergnügen

„sick of it all“ ist eine Band, die 1986 in New York gegründet wurde. Die Hardcore-Band ist seit ihrer Gründung ihrem Stil treu geblieben und mischt Hardcore mt Oi! und Punk-Elementen. Einige beschreiben den Stil der Band als „rau, ungehobelt und polternd“ (WDR Rockpalast). Andere Stimmen meinen, dass man gar nicht über Hardcore reden könne, ohne an „sick of it all“ zu denken. Fest steht: Die Band aus Queens ist eine Institution in ihrem Genre. Und dies bereits seit dem ersten Album, das „Blood, Sweat and No Tears“ hieß und bereits 1989 erschien. Das war als die Berliner Mauer fiel und David Hasselhoff „I am looking for freedom“ trällerte. 2020 ist „sick of it all“ noch immer im Geschäft, während David Hasselhof schlechte Werbung für einen östereichischen Wettanbieer macht. „Sick of it all“ liefert ab: Quarantäne-Sessions auf Youtube sind ebenso zu finden wie ein Facebookaccount mit über 400.000 Follower*innen. Übrigens feierten die harten Jungs der Band den „Internationalen Frauentag“ ausgiebig auf Facebook.

Inhaltlich folgt das Buch dem klassischen Biographie-Rhythmus. Im Zentrum stehen eben Pete und Lou Koller, die beiden Brüder, die mehr oder weniger über die Jahre das Gerüst der Band bilden. Sie stammen aus ordentlichen Verhältnissen. Es wirkt schon, fast wie ein Klischee, dass die jungen Männer sich die Haare wachsen ließen, Motörheadaufnäher trugen und sich dann später „Sick of it All“ nannten – weil man ja so wütend auf alles Normale und Durchschnittliche war in den 80ern. Und die Leute aus der Gegend waren ja irgendwie alle Arschlöcher. So kann man es zumindest nachlesen.

Es folgten die ersten Gigs, das obligate Demo-Tape mit 5 Songs (ja damals konnte man nicht einfach via Youtube oder einem anderen Channel einer unbekannten und weltweit verstreuten Menge an Menschen die eigenen Songs aufs Ohr drücken), man sprang zwischen Brotjob und Konzertgig hin und her. Das klingt alles irgendwie nicht neu und dennoch; es macht Spaß den (ehemaligen) Bandmitgliedern bei Ihren Erinnerungen zuzuhören. Ja, zuhören.

Es ist fast als würde man nicht in einem Buch lesen, sondern in einem Kellerbeisl an einem Tisch mit den mittlerweile doch nicht mehr ganz so jungen Herren von „sick of it all“ sitzen und Ihnen zuhören, wie sie die alten Erinnerungen auf den Tisch packen. Da kommt es natürlich vor, dass man einen Tourwagen als „Shitbox“ bezeichnet und die zahlreichen Pannen des Gefährts im Rückspiegel der eigenen Geschichte verklärt. Schlägereien bei Konzerten dürfen auch nicht fehlen. Ausgedehnte Tourbeschreibungen, Festivalerfahrungen diesseits und jenseits des großen Teichs sind natürlich ebenso vertreten und Studioaufnahmen wechseln sich mit Tourneen ab.

Natürlich darf ein Kapitel über Begegnungen mit der Prominenz auf keinen Fall fehlen. Ein bisschen Name-Dropping gehört in jede gute Biographie: Iggy Pop sei stellvertretend für andere genannt. Und man hat mit den großen der Zunft gespielt: Slayer, Hammerhead uvm.

Laut, aber reflektiert

Eines der spannenden Kapitel ist das Thema Songwriting. Bei Hardcore ist der Text – auch wenn er eher gebrüllt, denn melodisch ins Mikrophon gesäuselt wird- dennoch von einer gewissen Wichtigkeit. Abgesehen davon, dass sich die Herren Koller Gedanken über Themen wie Diversity machen, ist es doch erstaunlich, dass eine Band, die sich über sehr harte Musik definiert, doch darüber nachdenkt, wie die Texte ankommen. Allerdings scheint der flotte Spruch oft wichtiger zu sein als ein Thema in der Tiefe zu behandeln. Eine angerissene Diskussion über negative Facebookpostings wird dann von Pete Koller mit einem satten. „Es ist mittlerweile so leicht, sich wie ein Arschloch zu benehmen…“ kommentiert – und auf zum nächsten Thema. Beim Stichwort Arschloch darf Donald Trump natürlich nicht fehlen. Das etwas Sprunghafte ist dem Format geschuldet. Aber Hand auf‘s Herz: Elendslange theoretische Ausführungen über Sinn und Unsinn der eigenen Texte und die Wichtigkeit der eigenen Message würden auch nicht zu einer Vollblut-Hardcore-Band wie „sick of it all“ passen, zumal der Spaß doch deutlich im Vordergrund steht.

Natürlich spielen bei über 30 Jahren Bandgeschichte auch zeitgeschichtliche Ereignisse eine Rolle: Ein Kapitel ist 09/11 gewidmet. Aber auch die Tatsache, dass ein Amokläufer ein T-Shirt der Band bei trug ist nicht spurlos vorüber gegangen. Übrigens scheint es eine nicht uninteressante Korrelation zwischen Amokläufern und Band-T-Shirts aus dem Heavy- und Hardcorebereich zu geben. Es sind Kapitel wie diese, die das Buch auch für Nichtfans lesenswert machen.

Womit wir bei einer wichtigen Frage angekommen wären: Für wen ist das Buch geschrieben? Ganz eindeutig für Fans der Band, der Szene und des Genres. So ehrlich muss man sein. Ich denke, dass ein Fan der gepflegten Radiomainstream-Popkultur kaum etwas mit „sick of it all“ anfangen kann. Oder vielleicht doch? Spannend ist die Art und Weise wie das Buch geschrieben ist. Ich muss sagen: Es ist bisweilen schon sehr unterhaltsam das Ding! Der Mehrwert besteht jedoch ganz sicher in der Zeitreise, die die Jungs hinlegen – inklusive Ausflügen in die Zeitgeschichte und den verstreuten (gesellschafts)politischen Kommentaren. Kombiniert wird das Ganze mit den offenen sehr direkten Einblicken in die Musikszene. Mit besten Grüßen nach Berlin.

Klappentext:

Wenn man vom New York City Hardcore spricht, kommt man an Lou und Pete Koller nicht vorbei – das Brüderpaar aus Flushing, Queens, beherrscht mit der 1986 gegründeten Band Sick Of It All die Szene weltweit.Für Lou und Pete Koller wurde Hardcore nicht nur zu einem Lebensstil, sondern zu einer wenn auch unwahrscheinlichen Karriere. Kaum fingen die beiden an, sich in diesem wütenden und schmutzigen Ableger des Punk auszutoben, bildeten sie auch schon die Hälfte einer der intensivsten und fesselndsten Bands der Bewegung – Sick Of It All. Entgegen weitverbreiteter Klischeevorstellungen liefern Lou und Pete den schlagenden Beweis dafür, dass man nicht unbedingt aus der Gosse oder aus zerrütteten Verhältnissen kommen muss, um Hardcore der Spitzenklasse zu produzieren. Wenn Agnostic Front die Paten des New York Hardcore sind, dann sind Sänger Lou und Gitarrist Pete seine Großmeister.»Blut und Schweiß« ist nicht nur die schonungslos ehrliche Autobiographie zweier Brüder, die immer an ihren Zielen festgehalten haben, sondern auch eine unerbittliche Darstellung des amerikanischen Traums und der Mühe und Willenskraft, die nötig sind, um diesen angesichts aller Widerstände zu leben. Mit Kommentaren von Familienmitgliedern, Freunden, ehemaligen und aktuellen Bandkollegen sowie Musikern von Bands wie Exodus, Slayer, D.R.I., H2O, Napalm Death, Sepultura und mehr …

Details

ISBN/EAN: 978-3-940822-14-7
Einbandart: Kartoniert, Paperback
Verlag: Iron Pages Verlag
Erscheinungsjahr: 2021
Erscheinungsdatum: 26.02.2021
Seiten: 272 Seiten
Aus dem Amerikanischen von Andreas Diesel

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